gerade haben wir den neuen Vorplatz unserer Windenreuter Kirche eingeweiht und arbeiten fleißig daran, dass die Kirche in Kollmarsreute bald wieder innen neu gestaltet von uns genutzt werden kann. „Warum macht ihr das in so unsicheren Zeiten?“, bin ich schon gefragt worden. Wir wissen doch nicht, was in 10 Jahren sein wird und ob wir die Gebäude dann noch brauchen.

Die Frage hat mich natürlich umgetrieben. Man soll ja sein Tun immer wieder hinterfragen. Und in unserer Kirche stehen ja grade auch die Gebäude auf dem Prüfstand. Ein großer Teil davon wird wohl in den nächsten 5 Jahren dem Rotstift zum Opfer fallen, ein anderer Teil soll nur noch 25 Jahre Bestand haben. Übrig bleiben soll nur noch ein Drittel der bisherigen Gebäude. Ich bin erschüttert, dass auch hier anscheinend „Geld die Welt regiert!“

Quo vadis? Wohin gehst Du, Kirche?

Ich spreche derweil mit vielen Menschen und höre mir an, was sie bewegt. Es sind Sorgen, es sind Ängste, die mir gesagt werden. Ich erlebe sehr viel Verunsicherung. Es werden wichtige Themen benannt, die uns allen auf den Nägeln brennen: Das sich verändernde Klima, aber auch die Frage nach der gefühlt fehlenden Gerechtigkeit in unserem Land. Die spürbare Unzufriedenheit und die zornig machende Heuchelei, die bei den führenden Köpfen von Politik und Wirtschaft, aber auch in der Kirche gespürt wird. Die Frage, ob es vor lauter Toleranz überhaupt noch eine Wahrheit, etwas Beständiges und Festes gibt.

Manchen macht es Mühe, dass es anscheinend einen immer größeren Graben zwischen dem, was man bisher für richtig hielt und der Lebenswirklichkeit um uns her gibt. Gerne würden viele - so wird mir gesagt - etwas am eigenen Lebensstil ändern und zur Rettung unserer wunderbaren Erde beitragen, aber gegen die furchtbaren geradezu brutalen, eisernen Verkrustungen von Gier und Gewalt einzelner Menschen, Konzerne oder Staaten ist das einfach nicht zu machen. Chancenlos! Und derweil trudeln wir dem Abgrund immer weiter zu. Wie heißt es so treffend?

Heute stehen wir am Abgrund, morgen werden wir einen Schritt weiter sein.

Ja, da bleibt einem manchmal nur noch Sarkasmus. Aber eigentlich ist es pure Verzweiflung, die ich gut verstehe. Ist das wirklich das Ende des Liedes? Nein, das ist es nicht. Jedenfalls nicht für uns Christen. Als Christen bleiben wir nicht bei der Situationsanlyse stehen. Als Christen haben wir Hoffnung, haben eine Vision und wir handeln! Weil unser guter Gott und Schöpfer den Fortbestand der Erde garantiert, deshalb geben wir nie auf. Und obwohl wir natürlich wissen, dass „unsere Heimat im Himmel ist“ (Zitat Theologe Paulus von Tarsus), lieben wir trotzdem die Erde und die Menschen, denn es ist alles Gottes Werk. Und wir sind gefordert, unser Möglichstes zu tun, damit dies nicht zugunde geht. Um dies aber tun zu können, brauchen wir Kraft, Mut und eine sehr hohe Frustrationstoleranz. Wir müssen dem Wahnsinn um uns her etwas entgegensetzen.

Wenn es etwas gibt, was man dem Chaos entgegensetzen kann, dann sind es „Kraftstationen“. Orte göttlicher Energie und Dynamik! Orte der Ermutigung, Orte, an dem die Seele zur Ruhe kommt. Orte, wo gesungen wird. Orte, wo man beten kann, wo Gottes Kraft erlebbar ist, wo man Gleichgesinnte findet. Orte, wo noch geglaubt wird!

Weil ich glaube, dass schwere Zeiten auf uns zukommen werden, möchte ich diese Orte schaffen und erhalten. Das ist unsere Motivation. Naja, in der Coronazeit war Kirche anscheinend nicht mehr systemrelevant. Als Institution mag das ja sein, aber unsere Kirchen als ORTE DER ZUFLUCHT, die werden wir brauchen. Wo sollen wir hin, wenn noch mehr Not über uns hereinbricht, wenn das Wasser knapp wird, das Leben nicht mehr bezahlbar ist? Wo sollen wir hin, wenn Menschen verzweifelt sind und weinen. Wenn das Leben zu schwer wird, um es tragen zu können. Wenn der „Gürtel viel enger geschnallt“ werden muss? Wo gehen wir dann hin?

Wir wollen, dass es noch in jedem Ort einen Platz gibt, wo ich hingehen kann, wo mir Trost zugesprochen und wo mir Mut gemacht wird. Hier habe ich schon die Taufe erlebt, hier wurde ich konfirmiert, hier hat man die Hochzeit gefeiert. Hier hat man Feste miterlebt. Selbst Menschen, die nicht regelmäßig in den Gottesdienst gehen, erzählen mir, wie wichtig es für sie ist, dass es diesen„Schutzraum“ gibt. Es ist ein „Heilger Ort“. Hier komme ich zur Besinnung, hier komme ich zur Ruhe. Hier bin ich zuhause.

mit den besten Segenswünschen

Ihr Pfarrer Joachim Knab