...Reden wir heute über Prioritäten. Man sagt das so einfach: Du musst Prioritäten setzen! Das ist leichter gesagt als gemacht. Der am meisten gehörte Satz in meiner gesamten Dienstzeit war der: „Es tut mir so leid, aber ich habe einfach keine Zeit!“ Ich weiß sehr genau, was Zeitnot ist und dass man oft nicht das schafft, was man sich vorgenommen hat. Das liegt wohl an diesem Phänomen „Zeit“. Zeit ist so flüchtig und sie zerrinnt zwischen den Fingern wie Wasser und kein Mensch kann sie anhalten. Die Uhr tickt un aufhörlich. Dann neigen wir alle dazu, zu viel in die zur Verfügung stehende Zeit hineinzupacken. Und schon haben wir das Gefühl: Ich habe einfach keine Zeit. Aber es gibt auch Menschen, die haben zu viel Zeit. Sie wissen nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen wollen. Dies trifft vor allen Dingen auf die zu, deren Aktivität eingeschränkt ist. Und dann kennen wir noch das:

Wenn wir Schmerzen haben oder Unangenehmes erledigen müssen, dann steht die Zeit anscheinend still! „Ich habe keine Zeit!“ Dieser Satz ist schlicht falsch! Jeder hat Zeit, und zwar haben wir alle gleich viel davon. Es stellt sich nur die Frage: Für was nehme ich mir die Zeit? Und schon sind wir bei den Prioritäten. Was ist mir wichtig, dass ich meine Zeit dafür einsetze, und was ist mir so unwichtig, dass ich dafür keine Zeit aufwenden möchte. Eigentlich dürfte ich nie sagen: „Ich habe keine Zeit!“. Ich müsste korrekterweise sagen: „Dafür möchte ich mir oder kann ich mir keine Zeit nehmen!“ Nun kommt etwas Zweites dazu: In unser aller Leben gibt es immer wieder Situationen, in denen sich Dinge sehr brachial in den Vordergrund drängen. Es scheint so, als wäre das jetzt das Wichtigste! Richtig betrachtet, sind diese Dinge vielleicht dringlich, aber ob sie wirklich wichtig sind, das müsste erst noch genauer betrachtet werden. Ich habe schon lange festgestellt, dass die angeblich dringlichen Angelegenheiten nicht immer die Wichtigsten sind. Aber sie hindern mich, mir Zeit für das wirklich Wichtige zu nehmen. Ich muss also gegensteuern, sonst bin ich darin gefangen und sehe nicht mehr klar.

Nun ist es doch zweifelsfrei so: Gott hat uns ein Kunstwerk von Körper gegeben, um damit auf dieser Erde leben zu können und zu dürfen. Wir haben nur diesen einen Körper und deshalb sollten wir mit ihm pfleglich umgehen. Leider vergessen wir das oft. Wir respektieren auch nicht die Grenzen dessen, was uns gut tut.

Im Leistungssport z.B. werden ständig diese Grenzen überschritten. Und auch sonst wird nicht auf die Ausgeglichenheit zwischen Belastung und Ruhe geachtet. Wir muten uns zu viel zu! Nicht in der Arbeit allein, sondern auch in der Freizeit. Man muss ja schließlich überall mithalten können! Und die anderen machen es doch auch. Von unserer Seele ganz zu schweigen. Was muten wir ihr zu? Die Bilder, die wir im TV oder Internet sehen lassen viele nicht mehr los. Sie beschäftigen bis weit in den Schlaf hinein. Die daraus resultierende Überforderung unserer Psyche raubt uns die Kraft, die notwendig zu lösenden Probleme des Alltags in Angriff zu nehmen.

Ein Teufelskreis.

Wenn ich mir das anschaue, was wir von Jesus wissen, dann komme ich zu folgendem Schluss: Es gab bei Jesus durchaus Zeiten extremer Anspannung und Anstrengung - körperlich und seelisch. Aber wir lesen immer wieder, dass er sich Zeiten des Rückzugs und des Gebetes herausgenommen hat. Um zu spüren, was in ihm los ist. Um Gott zu begegnen- das hatte für ihn oberste Priorität. Es ist nicht schick, wenn man ausgepowert und am Ende seiner Kräfte gerade noch mühsam durch die Tage kommt, das Lachen einem schwer fällt und das Essen nur noch heruntergewürgt wird. Dein Gott möchte diesen Zustand bestimmt nicht. Er fordert uns auf, auf uns aufzupassen, sowohl auf den Körper als auch auf unseren Geist u. Seele. Sind Sie schon so weit, dass Sie hier Prioritäten setzen? Oder sollten Sie mal in sich gehen oder mit einer vertrauten Person darüber sprechen, die Ahnung von der Materie hat? Vielleicht ist der Gottesdienst deshalb so wichtig, weil er eine Auszeit uns schenkt, um die Prioritäten wieder neu in den Blick zu nehmen und das Wichtige vom Unwichtigen trennen zu können. Leider wird dieses Angebot von viel zu wenigen genutzt. Dabei ist es ein kostenloses Angebot und würde, bei richtigem Gebrauch, ganz viel bringen. Haben wir das zu wenig kommuniziert? Das täte mir leid. Jedenfalls wollte ich Ihnen das in den letzten Monaten meines Dienstes in der Kreuzkirchengemeinde Ihnen verschweigen.

mit herzlichen Grüßen im Frühjahr 2026, Ihr Gemeindepfarrer Joachim Knab

Evangelische Landeskirche in Baden

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